Urlaub mit Kind? Am Arsch!

Urlaub mit Kind

Erstellt am 08/04/2019

Mein erster Urlaub mit Kind. Das Motto: „Jeden Abend ein bisschen sterben“. Ich durchlebe eine „Kackastrophe“ in drei Akten.

 

Kinder sind wie Bluthunde. Sie wittern das nächste Fettnäpfchen aus weiter Ferne und steuern es an, um sich ausgiebig darin zu wälzen. Peinlich wird es dabei nicht für sie selbst, sondern für den bemitleidenswerten Erwachsenen, der dieser Situation hilflos ausgeliefert ist.

Dieses Wissen habe ich im Hinterkopf, als ich meinen ersten Urlaub mit Kind plane. In meiner Naivität denke ich, entsprechende Vorbereitung könnte die Katastrophe vermeiden. Heute weiß ich, dass dieser Ansatz völlig sinnlos ist. Denn es gibt eine universelle Regel: Das Kind gewinnt. Immer.

Das musste ich erst schmerzhaft erfahren. Hinterher ist man eben immer schlauer. Doch zurück zur Geschichte: Vor der Buchung habe ich eine Liste erstellt. Auf Platz eins steht ein Mindestalter von fünf Jahren. Das gewährleistet in meinen Augen zumindest einen Anflug von Rationalität. Denn ich habe keine Lust auf Trotzanfälle unter Palmen. 

 

Ertrinken verboten

 

Dann ist da noch der Schwimmkurs. Da ich meine Augen nicht überall haben kann, will ich das Schreckensszenario „Kind-fällt-in-den-Pool“ um jeden Preis vermeiden. Also fahre ich den Sohn zum Training, wo er mit einer Haifischflosse auf dem Rücken seine Runden dreht. Das würde zwar nicht ausschließen, dass er ins Becken fällt, aber notfalls könnte er sich über Wasser halten. Als Alleinerziehende muss man pragmatisch denken.

Im Internet suche ich ein Angebot aus, das allen Komfort für einen Urlaub mit Kind bietet. Soll heißen: Kurze Transferzeit, Nähe zu Strand und und ein Zimmer in Reichweite des Restaurants.

Wie sich später herausstellen sollte, ist der letzte Aspekt besonders wichtig. Denn jedes Mal, wenn ich beim Abendessen in den feinsten Köstlichkeiten schwelge, blickt mich das Kind an und spricht mit ernster Stimme: „Ich muss kacken.“

 

Das Tor zur Hölle bleibt zu

 

In diesen Momenten scheint die Zeit still zu stehen. Mit zusammengebissenen Zähnen versuche ich dem Bengel klarzumachen, dass er sein Anliegen auch diskreter formulieren kann. Damit erreiche ich genau das Gegenteil. Sichtlich irritiert durch meine gepresste Aussprache, verbalisiert der Sohn erneut – und diesmal eine Oktave lauter: „Ich muss KACKEN!“

Damit ist uns die volle Aufmerksamkeit des Umfelds sicher. Hilfesuchend tasten meine Füße den Fliesenboden ab. Wenn das Tor zur Hölle sich in diesem Augenblick öffnete – ich würde mit ausgebreiteten Armen hineinspringen. Aber es tut sich nichts. Mein Schicksal ist besiegelt.

Im Laufe unseres zweiwöchigen Aufenthalts stellt sich eine abendliche Routine ein. Der Überraschungseffekt bleibt allerdings, da ich nie den exakten Moment vorausahnen kann, in dem der Sohn sein Bedürfnis verkündet. Ist ja im Grunde eine gesunde Einstellung. Nur sind Ort und Zeitpunkt dermaßen schlecht gewählt, dass ich jeden Abend ein bisschen sterbe.

 

Mein Sohn, der Kack-Beamte 

 

Es hilft auch nichts, den Sohn vor dem Essen zu fragen, ob er aufs Klo muss.
Er stellt sich stur und will es auch partout nicht versuchen. So viel zum Thema Trotz unter Palmen. Wenn ich daran denke, wie viel Geld mich dieser Urlaub mit Kind gekostet hat, bin ich den Tränen nahe.

Tapfer schlucke ich den Kloß in meinem Hals hinunter. Mit dem Sohn im Schlepptau marschiere ich in Richtung Restaurant.  In meiner Brust pocht die niederschmetternden Gewissheit, dass es auch an diesem Abend wieder passieren wird. Und ich werde nicht enttäuscht. In dieser Hinsicht ist das Kind außergewöhnlich zuverlässig. Wie ein kleiner Kack-Beamter. 

Doch diese deutsche Gewissenhaftigkeit findet bei den Urlaubsgästen keinen Anklang. Wenn der unvermeidliche Satz rausgehauen ist, versuche ich, die verstörten Blicke der Tischnachbarn zu ignorieren.

 

Abendlicher Walk of Shame

 

Als besonders entmutigend empfinde ich die Reaktionen der anderen Familien. Die sitzen mit ihren perfekten Kindern in aufrechter Haltung da und schlagen bei unserem Anblick beschämt die Augen nieder.

Darum will hier auch niemand mit meinem abtrünnigen Kind spielen. Die haben wahrscheinlich Angst, dass das effiziente Verwertungssystem des Sohnes abfärben könnte. Bei dem Gedanken lache ich tonlos und marschiere demonstrativ an den Vorzeigefamilien vorbei. Dem Kellner gebe ich zu verstehen, dass er noch nicht abräumen soll.

Dann machen wir uns auf den Weg Richtung Zimmer. Der Walk of Shame ist dank meiner vorausschauenden Planung schnell bewältigt. Der Junge mit der gesunden Verdauung läuft vorneweg, während ich relativ unmotiviert hinterher schlurfe.

 

Kindliche Logik

 

Ich lasse mich auf dem Sofa nieder und der Sohn verschwindet im Bad. Wenn er ruft, stürme ich herbei, um seiner Majestät den Hintern abzuputzen. Ich fiebere dem Tag entgegen, an dem der Sohn diese ehrenwerte Tätigkeit selbst übernehmen kann.

Aber soweit sind wir nicht. Noch darf ich live miterleben, wie das Kind sein großes Geschäft zelebriert. Und das nimmt immer merkwürdigere Ausmaße an.
Als ich eines Abends die Tür hinter ihm schließen will, weist mich der Sohn an, sie offen stehen zu lassen. „Ich will mich beim Kacken beobachten“, lautet die simple Begründung.

Dem habe ich vor Verwunderung nichts entgegenzusetzen. Kinder sind ja immer schrecklich logisch und direkt. Was will man dazu auch sagen?

 

Seltsame Klo-Zeremonie


Ich bin dieser Prozedur hilflos ausgeliefert. Gegenüber des Badezimmers befindet sich der verspiegelte Flur, in dem sich das Kind mit rot angelaufenem Kopf betrachtet. Dabei enthält sein Ausdruck solch eine absurde Selbstgefälligkeit, dass es mir die Eingeweide zusammenzieht.

Hoch motiviert feuert der Sohn sich an: „Uuund Druck!“, presst er zeitgleich mit einem dröhnenden Furz so laut hervor, dass die Zimmernachbarn durch die papierdünnen Wände an der Klo-Zeremonie Anteil nehmen können.

Ich versinke derweil so tief in der Couch, dass dort ein bleibender Abdruck entsteht. Es ist, als sickert meine Schmach in die verblichene Kunstfaser des Sofas, um sich dort zu verewigen. Was mich allerdings am meisten schmerzte, ist die Tatsache, dass mein Essen bei unserer Rückkehr immer kalt ist.

 

Urlaub mit Kind ist nicht erholsam

 

Wenigstens bleibt mir als Trost noch ein wenig Zeit für die Nachspeise. Der Sohn rennt währenddessen voller Energie auf der Anlage herum. Vermutlich rührt diese Dynamik daher, dass er um einiges an Gewicht erleichtert ist.

Immerhin habe ich von meinem Sitzplatz aus einen guten Überblick und spähe immer wieder in Richtung Pool, um auszumachen, ob da nicht vielleicht etwas Verdächtiges schwimmt… Das muss ich ihm wahrlich zugute halten – es gab keine Wasserunfälle während unseres Aufenthaltes.

Allerdings beginne ich daran zu zweifeln, ob ein Urlaub mit einem fünfjährigen Kind den gewünschten Erholungsfaktor bringt. Neben der Angelegenheit mit dem Kacken war da noch eine Sache, oder genauer gesagt ein Satz, der mich gewaltig nervte: „Was machen wir jetzt?“

 

Unverschämte Fragen

 

Diese vier Worte sind allgegenwärtig. Und es gibt für das anspruchsvolle Kind keinen Anlass, sie nicht auszusprechen. Dabei habe ich mich so gut vorbereitet: Organisiert wie ich bin, habe ich sämtliche Ausflugsmöglichkeiten rechtzeitig abgecheckt und dabei einiges für Kinder gefunden. Unter anderem eine Fahrt auf einem Segelschiff.

Dort gibt es sogar ein Piratenprogramm, das sich den halben Tag lang hinzieht.  Als wir nach dieser Tour ordentlich durchgeschaukelt wieder an Land sind, spüre ich den Boden unter mir immer noch schwanken. Anstatt seiner alten Mutter eine helfende Hand zu reichen, blökt der Sohn: „Was machen wir jetzt?“

Denkt dieser unverschämte Bengel eigentlich darüber nach was er sagt – oder ist ihm diese Standardfloskel in Fleisch und Blut übergangen? Statt diese Gedanken laut auszusprechen, gebe ich resigniert zurück: „Keine Ahnung. Mir ist schwindelig und ich habe Kopfweh. Wir gehen zurück ins Hotel.“

 

Russischer Sportkanal als Babysitter

 

Kaum haben wir unser Zimmer erreicht – quasi noch auf dem Abstreifer stehend – katapultiert der kleine Quälgeist in forderndem Tonfall heraus: „Was machen wir jetzt?“ Dieser Satz ist der große Bruder vom „Sind wir schon da?“

Allerdings haben letztere vier ein Ziel vor Augen. Und das war etwas, was ich in diesem Urlaub mit Kind nicht hatte. Fest steht: Wenn Entspannung die Ziellinie darstellt, bin ich noch nicht einmal gestartet. Disqualifiziert, aus und vorbei.

Stöhnend lasse ich mich aufs Bett fallen. Mit letzter Kraft schalte ich im Fernsehen den Sportkanal ein. Davon erhoffe ich mir etwas Ruhe. Das Kind versteht zwar kein Wort, doch die Sportruderer wecken sein Interesse. Begleitet vom Geschwafel der russischen Kommentatoren dämmere ich dahin und träumte von satten grünen Wiesen, auf denen Rehe herum springen.

 

Weltuntergangs-Stimmung

 

Ein Rauschen im Hintergrund lässt mich ahnen, dass das Meer nicht weit ist. Ich machte mich auf die Suche nach den Klippen. Ohne Erfolg. Erstaunt stellen ich fest, dass es von unten her immer nasser wird. Als das seltsame Getöse ansteigt, kann ich es eindeutig zuordnen: Es handelt sich um eine gigantische Klospülung, in deren Wasserschwall die niedlichen Rehlein zu ertrinken drohen.

Die Landschaft steht bereits zum Großteil unter Wasser, als sich der Himmel bedrohlich verdunkelt. Blitze zucken unheilvoll am Horizont. Die schwefelgelbe Luft ist wie elektrisiert. Da teilen sich die Wolkenmassen und eine kindliche Stimme schmettert auf seine versinkende Schöpfung hinab: „Uund Druck!!“

In blanker Verzweiflung  klammere ich mich an ein Bambi, bevor ich von einer enormen Welle davongespült werde. Als ich heftig zappelnd erwache, bin ich nassgeschwitzt.

 

Der Entschluss

 

Ich bin in einem Zustand außerhalb von Raum und Zeit. Oben, unten, Männlein, Weiblein – all das spielt in meinem Delirium keine Rolle mehr. Wenn mich in diesem Augenblick jemand nach Fisch oder Fleisch fragte – ich hätte eine passende Antwort parat. Ich würde Beiderlei durch den Fleischwolf drehen und dem Gesicht des Fragestellers mit dem unappetitlichen Ergebnis einen interessanten Anstrich verleihen.

Meine romantische Vorstellung vom Urlaub mit Kind ist endgültig zerstört. Warum kriegen die anderen das gebacken und ich nicht? Ich kann doch unmöglich die Einzige sein – wo sind die anderen schwarzen Schafe abgeblieben? 

Das Tor zur Hölle kann mich mal. Mental bin ich unterwegs in Richtung Abgrund, um dem Klospül-Singsang meines erbärmlichen Lebens zu entkommen. Eines ist klar: Wenn ich den Absprung schaffen will, darf ich mich nicht länger von einem überaktiven Verdauungsapparat reglementieren lassen. Damit wird ab sofort Schluss sein!

 

Ich akzeptiere mein Schicksal

 

Beherzt greife ich mir an die Brust, um mein Vorhaben zu untermauern – doch ich kann die Geste nicht zu Ende bringen… „Was machen wir jetzt?!“ Das Kind hat geistesgegenwärtig realisiert, dass ich wach bin (falls man diesen Zustand so nennen kann). 

Seine Frage holt mich schlagartig in die Realität zurück. Es ist, als würde man einem zum Bersten gefüllten Ballon die Luft entlassen. Meine eben noch straffen Schultern sinken kraftlos herab. Ich habe mich wieder gefasst.

Willkommen im Alltag. Den kann leider auch kein noch so schöner Urlaub wegzaubern. Diese Erkenntnis hinterlässt einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge. Wortlos packte ich die Strandsachen zusammen. Das ist meine Art, die weiße Fahne zu schwenken. Ich habe mich meinem Schicksal gefügt.

 

Zukunftsträume

 

Wir verbringen den Rest des Tages am Meer. Davon ist der Sohn wiederum so müde, dass er gleich nach dem Abendessen wie ein Stein ins Bett fällt. Sogar das Kackritual ist an unserem letzten Abend in Vergessenheit geraten.

Ich habe mein Entspannungsziel als Spätzünder doch noch erreicht. Die regelmäßigen Atemzüge des Sohnes lassen mich in einen süßen Schlummer versinken.

Dabei träume ich von einer Zukunft, in der ich in aller Seelenruhe mein warmes Abendessen genießen kann, während sich das Kind selbst den Arsch abwischt.

Autor: Constanze Wilz

Ich bin die Anti-Heldin unter den Müttern.
Kuchen backe ich mit Wut statt Liebe, Bügeln halte ich für einen Mythos und ohne meinen Kuschelhund kann ich nicht einschlafen.
Statt einem inneren Kind habe ich einen inneren Kinski.

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