Pferdesex im Kreisverkehr

Pferd Aufklärungsgespräch

Erstellt am 01/05/2019

Der Sohn will wissen, wo die Babys herkommen. Jetzt sofort.  Obwohl wir uns mitten im Kreisverkehr befinden. Ein Aufklärungsgespräch mit verheerenden Folgen.

 

Warum ist der Himmel blau, warum ist die Sonne gelb, warum können Vögel fliegen? Von dieser nicht enden wollenden Fragestunde können Eltern ein Lied singen. Aufklärungsgespräche über das Wesen der Dinge führen sie am laufenden Band.  Und das oft unfreiwillig, denn es gibt kein Entkommen: Sobald das sprachliche Repertoire ein gewisses Ausmaß angenommen hat, erwächst die Neugier der Kinder zu einem unbezähmbaren Drachen.

Für die Eltern ist das ein Spiel mit dem Feuer. Auch ich habe mich verbrannt. Beziehungsweise hat mich der Sohn bei unserem letzten Aufklärungsgespräch zu einem erbärmlichen Häuflein Asche versengt. Keine Sorge – ich bin wieder auferstanden. Als Phönix kann ich mich zwar nicht schmücken, aber ein solides Huhn ist doch auch was. Damit bin ich vorerst zufrieden.

Und jetzt erzähle ich euch, wie es zu dieser Transformation gekommen ist. Alles beginnt mit dem Sohn. Sein Redeschwall treibt mich noch in den Wahnsinn. Oft komme ich mir ziemlich dumm vor, weil ich seine Fragen nicht beantworten kann. Dann sitze ich zu später Stunde noch am Rechner, um neunmalkluge Antworten auf seine neunmalklugen Fragen zu recherchieren.

 

Dieses Aufklärungsgespräch hat mich kalt erwischt

 

Dabei bin ich auf eine Kinderuniversität im CD-Format gestoßen. Das ist meine Rettung. Von nun an laufen die Geschichten auf und ab, den lieben langen Tag. Vor dem Kindergarten, nach dem Kindergarten, beim Zähneputzen und im Auto. Dort befinden wir uns, als sich ein Gespräch ereignet, auf das ich in keiner Weise vorbereitet bin.

Arglos schlängele ich mich durch die verkehrsreichen Straßen. Dazu dröhnt eine Geschichte der Kinderuniversität über nackte Statuen. Plötzlich schaltet der Sohn mit ernsthafter Miene das Radio aus und blickt mich nachdenklich an.

„Ich will auch ein Baby-Pferd haben“, teilt er unverblümt mit. Zum Hintergrund: Wir sind auf dem Gestüt von Bekannten zu Besuch gewesen, die uns ihre Fohlen gezeigt haben. Räuspernd erkläre ihm, dass wir bereits ein Pferd haben, das schon genug an Geld und Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. „Ich will aber eines für mich, ein kleines!“, nölt das unerbittliche Kind. „Ich kaufe kein Baby-Pferd. Wenn, dann müsste unsere Luna eines bekommen“, erwidere ich und versuche, meine Konzentration wieder auf den Verkehr zu lenken.

 

„Warum?“ ist der rhetorische Flammenwerfer

 

Doch der Bengel kommt jetzt erst richtig in Fahrt: „Dann soll die Luna ein Baby kriegen.“ Meine Finger trommeln auf dem Lenkrad herum. „Das geht nicht so leicht. Dazu brauchen wir einen Hengst.“
„Warum?“

Großer Gott, wir werden doch jetzt nicht mitten im Kreisverkehr ein Aufklärungsgespräch beginnen? Doch das Kind kennt keine Gnade. Und packt seinen rhetorischen Flammenwerfer aus: „Warum brauchen wir einen Hengst?“, quäkt es beharrlich vom Beifahrersitz.

„Weil der seinen Samen in die Luna geben muss, damit ein Baby entsteht.“
„Wie macht er das?“ Kalter Schweiß tritt mir auf die Stirn. Vor meinem geistigen Auge begatten sich ungestüme Pferde. Ich versuche, dieses Bild in kindgerechte Worte zu verpacken, und nehme die dritte Abfahrt im Kreisverkehr. „Nun ja, er besteigt sie von hinten und… schießt seinen Samen in sie hinein“, bringe ich holpernd zustande.

 

Aufklärungsgespräch: Verstörende Bilder in kindgerechte Worte packen

 

„Wie kommt er denn auf sie drauf?“
„Er stellt sich auf die Hinterbeine, beißt sich mit den Zähnen in ihrer Mähne fest und steckt seinen Penis in sie hinein.“

Puuh, nun ist es ausgesprochen. Hinter mir hupt jemand ungeduldig. Am liebsten hätte ich das Kind gepackt und es durch sein offenes Fenster geschoben. Soll der das Aufklärungsgespräch übernehmen.

„Was ist ein Penis?“, fragt der Junge mit derart aufrichtigem Interesse, dass es mir die Schamesröte ins Gesicht treibt. Habe ich ihm diese Grundbegriffe nie beigebracht? Ich hatte mir doch fest vorgenommen, nicht so rückständig und verklemmt über solche Dinge zu reden wie meine Eltern.

 

Ich bin rückständig und verklemmt

 

Angestrengt denke ich nach. Und muss feststellen, dass wir bei verniedlichten Begriffen wie Schniedel, Pimmel und Pillermann hängen geblieben sind. Jetzt muss die Wahrheit ans Licht. Auch wenn es weh tut. Ich nehme den Faden dieses unfreiwilligen Aufklärungsgesprächs wieder auf.

„Dasselbe was du zwischen den Beinen hast. Nur ist das beim Hengst viel größer“, erkläre ich fachmännisch. Gleichzeitig biege ich scharf nach links ab. Beinahe verpasse ich die Abfahrt. Dem kleinen Racker macht die wilde Raserei nichts aus.

Unbeirrt bohrt er weiter: „Kommt aus dem Hengstpenis der Samen?“
„Ja.“
„Was macht der Samen?“
„Der legt einen weiten Weg zurück, macht es sich in Lunas Eizelle gemütlich und wird schließlich zum Babypferd.“
„Und wie kriegt er den Samen so weit in die Luna rein?“

 

Die Sache mit dem Pferdepenis

 

Hört das denn nie auf? Innerlich sterbe ich tausend Tode. Doch ich will mit diesem Aufklärungsgespräch meinen pädagogischen Auftrag als Mutter erfüllen. Lieber hätte ich von Bienchen und Blümchen geredet. Den Zug habe ich verpasst.

„Der Samen kommt sehr schnell aus dem Penis rausgeschossen“, entgegne ich nervös. „Doch jetzt lass´ mich um Himmels Willen in Ruhe Auto fahren. Wenn du so alt bis wie ich, kannst du dir so viele Pferde kaufen, wie du willst. Ich erkläre dir alles ausführlich Zuhause.“

Das ist natürlich gelogen. Insgeheim hoffe ich, dass er die Angelegenheit mit der Aufklärung und dem Pferdesex bis dahin vergessen hat. Stumm fahren wir weiter. Mein Appell hat Wirkung gezeigt. Das Kind scheint endlich zufrieden zu sein und blickt verträumt aus dem Fenster. Ich seufze erleichtert. Damit ist das unliebsame Thema in Vergessenheit geraten.

 

Karma holt mich ein

 

Doch wie wir alle wissen ist Karma eine Bitch. Du kannst ihr nicht entkommen. Auch ich muss mich ihr stellen. Vor versammelter Mannschaft. Beim Gemüsefrühstück in der Grundschule. Der bloße Gedanke an dieses Debakel bereitet mir Schnappatmung. Dabei habe ich beim Supergau in der Krabbelgruppe schon genug gelitten.

Aber zurück zur Geschichte: Alles hat so harmonisch angefangen. Die Kinder spielen vergnügt, die Eltern unterhalten sich angeregt. Scheinbar kann nichts diese Idylle trüben. Plötzlich kommt der Sohn mit seinem Freund im Schlepptau auf mich zu. Der bohrende Blick des Kindes bereitet mir Unbehagen.

Während die Zwei zielstrebig in meine Richtung steuern, entwickelt sich ihre Unterhaltung zu einer hitzigen Debatte. Den Wortfetzen nach scheint es um Haustiere zu gehen. Bevor der Streit zu eskalieren droht, geht die beherzte Klassenleiterin dazwischen. Die Gespräche verstummen.  Alle Augen richten sich auf die Lehrerin. Sie steht ruhig inmitten der beiden Streithähne, die sich mit hochroten Köpfen anvisieren.

 

Man reiche mir das Riechsalz

 

„Erzählt mal, was los ist“, säuselt die Pädagogin. „Der Flori will mir nicht glauben!“, kräht der Sohn den Tränen nahe. „Was will er dir nicht glauben?“
„Das mit den Pferdebabys.“

In dem Augenblick weicht sämtliche Farbe aus meinem Gesicht. Nur Riechsalz könnte mich jetzt noch retten. „Was ist denn mit den Pferdebabys?“, will die besorgte Lehrerin wissen. Ich verfluche sie für diese Frage. Mein panischer Blick gleitet zu den Fenstern, die allesamt verschlossen sind. Der Weg zur Tür ist von Eltern versperrt. Ich bekreuzige mich stumm.

„Meine Mama hat gesagt, wenn ich ein Pferdebaby haben will, muss der Hengst auf die Luna springen und den Samen aus seinem großen Penis in sie hineinballern wie eine Kanonenkugel!!“

 

Realitätsverlust

 

Die letzten Worte schreit mein euphorisches Kind wild gestikulierend heraus, als ob die ganze Welt davon mitbekommen soll. Da sieht man einmal, wie weit die Realitäten von Erwachsenen und Kindern auseinander liegen.

Die Lehrerin mustert mich schockiert. Eine Mutter hält ihrer Tochter schützende die Hände über die Ohren. Daneben steht ein zierlicher Junge mit bebenden Lippen. Durchgefallen. Setzen, Sechs, denke ich beschämt. Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass dieses Aufklärungsgespräch dermaßen nach hinten losgehen könnte.

Ich schaue zu Boden. Die verurteilenden Blicke der Eltern spüre ich auf mir wie Dolchspitzen. Mein Mund klappt hilflos auf und zu. Dann nehme ich den Sohn an die Hand und verlasse unter einem fadenscheinigen Vorwand das Schulhaus. Niemand hält uns auf.

 

Happy End mit Glucke und Küken


Wir gehen schnurstracks in die nächste Buchhandlung, wo ich ein Pferdelexikon sowie ein Aufklärungsbuch für Kinder eintüte. Letzteres gehen wir in den nächsten Tagen gefühlte 1000 Mal in allen Einzelheiten durch. 

Ich bin stolz auf mein kluges Küken und glucke vergnügt durch die Gegend. Meine neu erworbene Hühner-Mentalität steht mir gut. 

Von nun an posaunt der Sohn sein neu erworbenes Wissen rund um die menschliche und pferdische Sexualität jedem ungefragt entgegen. Auch wenn das Ganze eher suboptimal verlief, hat die Sache zumindest ein Gutes: Jetzt sind wir alle aufgeklärt.
 

Autor: Constanze Wilz

Ich bin die Anti-Heldin unter den Müttern.
Kuchen backe ich mit Wut statt Liebe, Bügeln halte ich für einen Mythos und ohne meinen Kuschelhund kann ich nicht einschlafen.
Statt einem inneren Kind habe ich einen inneren Kinski.

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Mimi
Mimi
2 Jahre zuvor

Meine Tochter neulich im Supermarkt an der Kasse: „Mama, was ist eine Prosi… Moment, ich meinte Prosti-tu-ierte?“
Sie hat jede Silbe ganz laut betont. Ich bin im Boden versunken.
Aufgeklärt hab ich sie dann Zuhause. 😉

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