Das sind die mit Abstand entspanntesten Sommerferien meines Lebens:
Geschickt habe ich das Kind auf seinen Vater (2 Wochen) und die Großeltern (1 Woche) aufgeteilt.
Seitdem herrschen in meiner Bude anarchische Zustände, wie ich sie zuletzt aus meiner Jugend kannte.
Ich tue lauter unerhörte Dinge, die sonst nur den Kinderlosen vorbehalten sind.
Gestern bin ich um zwei Uhr morgens schlafen gegangen, heute hab ich mich um viertel nach elf aus dem Bett geschält.
Sogar am heiligen Sabbat treibe ich mich bis spät nachts in der Weltgeschichte herum.
Grundsätzlich komme ich nicht vor zehn in die Gänge und habe frühstücken aus meinem Lebensplan gestrichen.
Das Mittagessen nehme ich im Schlafanzug zu mir.
Auf der Couch. Vor dem Laptop. Ich liebe es.
Das Süßigkeitenversteck ist übrigens auch aufgehoben – meine zuckerhaltigen Sünden liegen schonungslos offen herum.

Überdies habe ich die Küche zur kochlöffelfreien Zone erklärt.

Ich rühre keinen Finger.
Auf Haushalt hab ich null Bock. Der Wäscheberg nähert sich der Schneefallgrenze und
neben der Spüle türmen sich Schüsseln mit eingetrockneten Müsliresten zu einem avantgardistischen Kunstwerk.
Abgerundet wird das Ganze durch beachtlich große Wollmäuse, die in Wildwest-Manier über den Parkett rollen.
Derweil throne ich mit hochgelegten Beinen auf der Couch und herrsche über mein selbst geschaffenes Chaos.
Ich gammle so exzessiv, dass ich vor lauter Herumlungern Rückenschmerzen bekomme.
Ja, ganz recht!
Seit ich Mutter bin, kommt mir Nichtstun geradezu revolutionär vor.

Essen, schlafen, masturbieren: das sind die tragenden Säulen meines neuen Tagesablaufs.
Und zwar in dieser Reihenfolge.

Ich schwelge von Tag zu Tag durch mein Leben.
Meine Laune gleicht einem Heliumballon, der prall gefüllt an der Zimmerdecke schwebt.
Dann wird mein ausufernder Müßiggang durch einen schier unstillbarer Tatendrang abgelöst: Zweimal gehe ich in die Therme, schwimme bei Vollmond im See, gönne mir eine Thai-Massage (gegen die Bequemlichkeits- Rückenschmerzen) und springe im Trampolinpark ausgelassen wie ein Kind herum, bis ich den Muskelkater meines Lebens habe.

Da ist auf einmal so viel Zeit, dass ich gar nicht weiß wohin damit.
Also unternehme ich einen Kurztrip nach Brandenburg – genauer gesagt auf ein Festival. Was für ein Erlebnis, von dröhnenden Bass-Klängen durchdrungen zu werden und sich von der ekstatisch tanzenden Menge mitreißen zu lassen!
Diesen Genuss hab ich mir seit über zehn Jahren nicht mehr gegönnt.

Mit dem Fahrrad fahre ich durch menschenleere Dörfer und lasse den abgefuckten Brandenburg-Charme auf mich wirken. Zwischendurch mache ich an entlegenen Baggerseen Halt und vergrabe die Füße im Sandstrand.
Selbstvergessen hänge ich Tagträumen nach, betrachtet die Windräder am Horizont und gebe mich dem Fluss des Lebens hin.

Ich habe mich um nichts gekümmert außer um mich selbst.

Und das tut unendlich gut. Ich fühle mich richtig satt.
Satt an neuen Eindrücken, gesättigt mit Schlaf und Ruhe.
Ich bin absolut tiefenentspannt.
Nun habe ich wieder Zeit und Lust, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen.
Generell habe ich sehr viel Energie, bin total motiviert und fühle mich um Jahre jünger.

Allein sein ist einfach verdammt geil.
Wenn man die Gelegenheit dazu hat, sollte man das auskosten.
Und jetzt mal ehrlich: Wer in seiner kinderfreien Zeit nichts mit sich anzufangen weiß und rumjammert, allein wäre alles doof, ist selber schuld.

Früh genug holt einen der Alltag schließlich wieder ein.
Anfang nächster Woche platzt auch meine Seifenblase.
Das Kind kommt zurück.
Ich werde meine Süßigkeiten wieder einpacken, den Schlafanzug gegen Alltagskleidung tauschen, das Chaos beseitigen und brav den Kochlöffel schwingen, als sei nichts gewesen.
Hallelujah!

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