Der Wutkuchen und das singende Klo

Kindergeburtstag

Erstellt am 08/03/2019

Der Kindergeburtstag des Grauens nimmt seinen Lauf. Meine Backkünste werden mir zum Verhängnis und als alle Gäste weg sind, fällt die Hülle. Ich raste komplett aus.

 

Es ist soweit: Nächste Wochen rollen die Buddies des Sohnes zum bombastischen fünften Kindergeburtstag an. Kein Problem, denke ich. Wie schwer kann das schon sein, eine Handvoll Knirpse zu bespaßen?

Ich will einen auf Vorzeige-Mutter machen und zugleich mein schlechtes Gewissen erleichtern (Stichwort Geburtstagsamnesie, hüstel). Also bin ich bestens ausgestattet.

Denn so ein Kindergeburtstag im 20. Jahrhundert ist eine Art Wettrüsten. Dafür muss man Strategien ersinnen, um möglichst gut wegzukommen. Bei den Kindern und ihren Eltern. Da Jung und Alt gleichermaßen anspruchsvoll sind, ist das eine echte Herausforderung. Und der will ich mich stellen!

 

Unbeaufsichtigte Schwimmbad-Party

 

Meine eigenen Kindergeburtstage waren da wesentlich unkomplizierter. Da wurden alle Gäste samt Geburtstagskind (das zur Feier des Tages im Kofferraum mitfahren durfte), im nächsten Schwimmbad abgeladen. Dort konnten wir uns fern von den Anweisungen Erwachsener austoben.

Das war schön und alle waren zufrieden. Niemand hat unangenehme Fragen gestellt. What happens at the Kindergeburtstag, stays at the Kindergeburtstag. So lief das in den 90ern.

Wehmütig denke ich daran zurück, während ich Tontöpfe, wasserfeste Farben, Pflanzerde und Blumensamen kaufe. Für mein Wettrüsten. Seit der Sohn von einem Kindergeburtstag mit Schatzsuche, Carrera-Rennen und Tortenschlacht zurückgekommen ist, bin ich in Kampfesstimmung.

 

Mein Geheimrezept: Außen verbrannt, innen roh

 

Verträumt male ich mir aus, wie meine kleinen Partygäste abgeholt werden. Ihre Eltern geraten über die kreativen Basteleien in Verzückung und nicken mir anerkennend zu. Meine Brust schwillt vor theoretischem Stolz. Auf meiner glühenden Stirn prangt in dicken Lettern: „Pädagogisch wertvoll.“

Voller Elan mache ich mich an die Arbeit. Für einen Kindergeburtstag muss natürlich eine Torte her. Diese Aufgabe gestaltet sich jedoch als schwierig, da meine Backkünste unterirdisch sind. Das Problem: Ich backe nicht mit Liebe, sondern mit einer extra Portion Wut. Genauso sieht auch das Ergebnis aus: außen verbrannt und innen roh.

Wenn man das jetzt schönreden wollte, könnte man sagen, dass ich Emotionen in Backwaren transformieren kann. Sollte ich mir Wut als Verkörperung vorstellen, hätte sie exakt die Beschaffenheit meiner Kuchen.

 

Baseballschläger statt Traumtorte

 

Diesmal will ich es mir selbst beweisen und eine Traumtorte zaubern. Im Kampf darf man keine Schwäche zeigen, sonst ist man weg vom Fenster. Darum sehe ich in diesem Kindergeburtstag einen Anlass, um maximal zu performen.

Leider ist der erste Versuch ziemlich misslungen. Ich klopfe erwartungsvoll auf die Kastenform.  Zum Vorschein kommt eine Art Baseballschläger. Der ist so knüppelhart, damit kann man einen Einbrecher außer Gefecht setzen. Weil ich Selbstironie in verzweifelten Situationen gut finde, drapiere ich das kulinarische Unding auf meinem Nachttisch.

Zum Glück gelingt der zweite nicht ganz so ehrgeizige Backversuch mit einem idiotensicheren Rezept aus dem Netz. Nun kann der Kindergeburtstag losgehen.

 

Kindergeburtstag ist wie Wettrüsten

 

Am nächsten Tag ist es soweit. Der Sohn hat vor Aufregung kaum geschlafen und auch ich bin relativ lädiert aufgestanden. Doch als gegen Mittag die ersten Gäste eintrudeln, bin ich in bester Stimmung.

Dann kommt der große Moment. Meine Zeit zu scheinen – hell wie ein Diamant. Voller Stolz auf meine Teigkreation, deren Konsistenz einem echten Kuchen ähnelt, schneide ich die Torte an.

Ich zucke zusammen, als ein Piefke dazwischen kräht: „Sind da Nüsse drin?“ Ich überlege. Klar sind da Nüsse drin. Ich musste den Teig mit Resten aus der Speisekammer strecken, da der Baseballschläger so viel Mehl verbraucht hat. „Das darf ich nicht essen, ich bin gegen Nüsse allergisch“, quäkt es in mein Ohr.

 

Der Nuss-Allergiker bringt mich aus dem Konzept

 

Verdammt, erster Fauxpas! Ich sehe meine ehrgeizige Performance dahinschmelzen. Nur die Ruhe bewahren. Dann gib dem Lütten ein Eis am Stiel und die Welt ist in Ordnung. Falsch gedacht.

Es handelt sich um ein ziemlich verwöhntes Exemplar Kind, das ganz eigene Vorstellungen von gutem Geschmack hat und lustlos an einer Banane herum lutscht, währen die anderen sich gierig über den Kuchen hermachen

Wie Mensch gewordene Staubsauger inhalieren die das Zeug weg. Dabei veranstalten sie eine Riesensauerei. Von Tischmanieren keine Spur – das sind kleine Barbaren. Jetzt kloppen sie sich auch noch um das letzte Stück.

 

Eine Horde kleiner Barbaren

 

Bei dem Anblick muss ich mich wegdrehen. Das ist Kapitulation. Ich weiß, dass ich mit Worten nicht gegen dieses Fress-Kommando ausrichten kann. So habe ich mir den Kindergeburtstag ganz und gar nicht vorgestellt. Ernüchtert schlurfe ich in die Küche, um aufzuräumen.

Plötzlich wird alles sehr hektisch. Parallel zum Abräumen des Geschirrs leite ich die wild gewordene Meute an, sich die verschmierten Pfoten zu waschen. Als Resultat steht eine Kinderschlange vor dem Bad, wo der Sohn sein singendes Töpfchen präsentiert.

Das macht mit Hilfe eines Sensors Geräusche und spielt Lieder ab, sobald sich der Plastikeinsatz füllt. Die Kinder sind von dieser Innovation restlos begeistert. Jeder will das Töpfchen unter den anfeuernden Rufen der anderen ausgiebig testen. Dazu geht die Toilettenspülung im Dauerlauf.

 

Ein gellender Schrei und ein vermisstes Kind

 

In der Zwischenzeit platziere ich die Tontöpfe samt Farben auf dem Esstisch. Meine Vorfreude wird zerstört, als mich diese kopflose Bande umrennt. Die Gäste haben genug von dem Töpfchen und wollen draußen spielen. Genervt sorge ich dafür, dass alle ordentlich angezogen sind, und entlasse sie hinaus.

Gerade als ich mir einen Rest Kuchen einverleiben will, um meinen Zuckerspiegel zu halten, dringt ein markerschütternder Schrei an mein Ohr. Ich hechte hinaus und werde Zeuge einer Streitigkeit über Spielgeräte. Leider lassen sich ein Traktor, ein Laufrad, ein Roller und ein kleines Fahrrad nicht gerecht unter sechs Kindern aufteilen.

Ich erkläre ihnen, dass sie sich abwechseln sollen, und gehe wieder hinein. Denn ich muss dringend aufs Klo. Doch soweit kommt es gar nicht. Der Nussallergiker stürmt mit seinen matschigen Gummistiefeln in die Wohnung und erklärt schreiender Weise, dass seine Schwester verschwunden sei. 

 

Barfuß und trotzig

 

Die Kleine ist wohl beleidigt, da sie kein Gefährt abbekommen hat, und auf die Straße gerannt. Folglich starte ich eine Suchaktion, die nach einer nervenaufreibenden halben Stunde von Erfolg gekrönt ist: Das Mädchen sitzt bloßfüßig und mit trotzrotem Kopf im Gestrüpp.

Es lässt sich zwar von mir herumtragen und auf eine Gartenbank setzen, doch seine Stiefel will es auf keinen Fall wieder anziehen. Bei frühlingshaften 13 Grad eher keine gute Idee. Die Vorstellung, für diese Blasenentzündung verantwortlich zu sein, treibt mir Tränen in die Augen.

Meine Bitten gehen im Lärm des ausufernden Kindergeburtstags unter. Die Gäste grölen wie besoffene Ballermann-Besucher und spielen mit den Fahrzeugen Autoscooter. Das geht so weit, dass ein Junge das Lenkrad des Traktors abreißt und es triumphierend in die Höhe hält.

 

Bekanntschaft mit dem Lama-Mädchen

 

In dem Augenblick spuckt mir die kleine Rotzgöre ins Gesicht. Offenbar ist sie meine Versuche, ihr die Stiefel anzuziehen, endgültig Leid. Wenn jetzt kein Wunder passiert, garantiere ich für nichts mehr.

„Na was ist denn hier los?“, schallt es mit einer Mischung aus gespielter Höflichkeit und aufrichtiger Verwirrung aus dem Mund eines Vaters. Er ist soeben um die Hausecke gebogen und mustert abwechselnd mein mit Kinderspucke verziertes Gesicht und seinen Sohn. Der hält immer noch das abgerissene Lenkrad in die Luft.

„Alles gut, wir haben nur gespielt“, säusele ich angestrengt und wische mir mit dem Ärmel übers Gesicht. Für diese schauspielerische Leistung hätte ich einen Oscar verdient.

 

Die Eltern erlösen mich von meiner Qual

 

Aber Soldaten geben nichts auf Glamour. Darum beiße ich die Zähne zusammen. Die Ersten werden bereits abgeholt – das Ende des Kindergeburtstags ist in Sicht. Da kommt auch schon die Mutter des Lama-Mädchens und hat zu meiner hämischen Freude ebenfalls Probleme mit dem Anziehen der Stiefel.

Doch sie fackelt nicht lange und klemmt sich das kreischende Kind unter einen Arm. Mit dem Nussallergiker an der anderen Hand marschiert sie ab. Im Stillen salutiere ich dieser tapferen Frau. Sie hat kein leichtes Schicksal gewählt.

Der Traktor-Randalierer hat mittlerweile auch seine Standpauke erhalten und wird unter lautem Protest-Geheul abgeschleppt. Wenig später trudeln die anderen Eltern ein und erlösen mich von diesem katastrophalen Kindergeburtstag.

 

Ein Garant für schnelles Altern

 

Endlich habe ich den völlig überdrehten Sohn ins Bett gebracht, das größte Chaos beseitigt und meine Grundbedürfnisse in Form von Essen und Toilettengang befriedigt. Missbilligend beäuge ich die Tontöpfe. Der Schuss mit der pädagogisch wertvollen Bastel-Einlage ist noch nicht einmal nach hinten losgegangen – er hat überhaupt nicht stattgefunden.

Aus meinem Inneren dringt ein tiefer Seufzer. Ich habe nicht gewusst, dass man innerhalb von wenigen Stunden um Jahre altern kann. Nach dem Zähneputzen schaffe ich es gerade noch zum Bett, wo ich in voller Montur einschlafe.

Doch Erholung soll mir immer noch nicht vergönnt sein. Mitten in der Nacht vernehme ich ein eigenartiges Geräusch. Meine Sinne sind aufs Äußerste geschärft. Ich greife instinktiv nach dem Kastenform-Baseballschläger. Angestrengt lausche ich in die Dunkelheit. Eine unheimliche Stimme singt: „Nimm Papier, nimm Papier, von der Rolle neben mir.“

 

Verdächtiges Geräusch mitten in der Nacht

 

Das muss ein Wahnsinniger sein! Mit zitternden Knien schleiche ich dem Geräusch nach in Richtung Badezimmer. Krampfhaft umklammern meine Finger die harte Kruste des Kuchens und graben sich in das matschige Innere.

„Nimm dir ein paar Blätter, eins zwei drei Blätter, oder auch vier. Komm, sing mit mir“, tönt die schlumpfige Stimme, als ich durch die angelehnte Tür spähe.

Ich wage einen Schritt hinein und schalte das Licht an. Zu meinen Füßen steht das Töpfchen und singt. Es hat einen Wackelkontakt durch die intensive Nutzung der Geburtstagsgäste und trällert munter sein elektronisches Liedchen.

 

Jack Nicholson wäre stolz auf mich

 

Da brennen auch bei mir die Sicherungen durch. Mein linkes Auge zuckt. Dann schlage ich zu. Wie eine Geisteskranke dresche ich mit dem knüppelharten Kuchen auf das Töpfchen ein, bis mir die Schaltkreise um die Ohren fliegen. Das Lied verzerrt sich zu einem verstörenden Rauschen mit einzelnen piepsigen Wortfetzen, bis es endgültig erstirbt.

Die plötzliche Stille lässt mich wieder zu Sinnen kommen. Schweißgebadet betrachtet ich mein Werk: Das Bad gleicht einem bizarren Schlachtfeld aus Teigfetzen, Plastiksplittern und Drähten. Im Waschbecken liegt der zerbeulte Spülknopf des Kinderklos.

Als ich einen scheuen Blick in den Spiegel riskiere, sieht mir der blanke Wahnsinn entgegen – eine Mischung aus Klaus Kinski und Jack Nicholson. Letzterer hätte mich für meine Psycho-Performance zweifellos beneidet.

 

Soldatin im Zwangsjäckchen

 

Von der Soldaten-Uniform zum Zwangsjäckchen – das geht schneller, als man denkt. Ein schöner Siegeszug ist das. Ich wasche mir das Gesicht mit kaltem Wasser.  Beschämt stopfe ich die Sauerei in einen riesigen schwarzen Müllsack, den ich anschließend im Keller verschwinden lasse.

Wie ein Zombie wandle ich zum PC, um per Overnight-Express ein neues Töpfchen anzufordern. Dann sinke ich kraftlos auf die Knie. Das war zu viel, ich bin reif für die Anstalt.

Bevor mich die geistige Umnachtung vollends einnebelt, fasse ich einen Entschluss: Der nächste Kindergeburtstag kann meinetwegen an Bord einer Raumstation, auf dem Riesenrad oder in einer Tiefgarage stattfinden – aber ganz gewiss nicht in meiner Wohnung.

 

Autor: Constanze Wilz

Ich bin die Anti-Heldin unter den Müttern.
Kuchen backe ich mit Wut statt Liebe, Bügeln halte ich für einen Mythos und ohne meinen Kuschelhund kann ich nicht einschlafen.
Statt einem inneren Kind habe ich einen inneren Kinski.

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Linda
Linda
2 Jahre zuvor

Oh Gott, was für eine Katastrophe!
Und dann das unheimliche Töpfchen mitten in der Nacht. Da wäre ich wohl auch ausgetickt :-))
Bei uns steht diesen Sommer der erste Geburtstag an.
Den feiern wir im kleinen Rahmen. Da kann (eigentlich) nichts eskalieren.

Salome
Salome
2 Jahre zuvor

Die Geschichte hat mir die Mittagspause versüßt. So echt und witzig geschrieben. Liebe Grüße, Salome

Shadownlight
1 Jahr zuvor

Ach herje, ich musst trotz meinen „oh herje Ausrufen“ ein wenig lachen, du hast es so toll beschrieben, dass ich richtig mitfieberte und mir zum Teil auch fas schwindlig wurde bei dem Gedanken in deiner Rolle sein zu müssen! Du hast es geschafft- sei stolz drauf :).
Liebe Grüße!

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