Depression: Ich weine nicht, du weinst

Constanze Wilz Depression Beitrag

Aktualisiert am: 01/11/2026

Diese Krise ist so heftig, dass ich da nicht alleine rauskomme. Ich weise mich in die Psychiatrie ein. Und das ist das Mutigste, was ich je gemacht hab.

Da ist wieder dieses Loch. Die Hoffnungslosigkeit, der fehlende Glaube an mich. Aufstehen fällt schwer. Ich wandere vom Bett auf die Couch. Gedanken kreisen und erschaffen ein verzerrtes Bild der Realität.

Ich bin erschöpft und getrieben zugleich. Es fühlt sich an, als wird mein Selbst überlagert von Traurigkeit. Obwohl mein Leben objektiv betrachtet gut läuft – und das macht´s sogar noch schlimmer. Ich sollte mich freuen und kann es nicht, was ist mit mir kaputt?

Mein Selbstbild zerbricht

Dabei wars vor ein paar Tagen noch schön. Da hab ich so herzlich gelacht, dass ich nie auf die Idee gekommen wäre, es könnte ne Depression sein. Weil es eben auch gute Momente gibt. Darum fiel es mir total schwer, das einzugestehen.

Wenn andere über Depressionen sprachen, hab ich mich nicht wiedererkannt, bzw. wollte es nicht sehen nach dem Motto: Ich weine nicht, du weinst.

Ich wollte damit nichts zu tun haben. Es hat meinem Bild von mir widersprochen. Ich wollte die sein, die alles selber schafft, unbeirrt ihren Visionen folgt, ihr Leben im Griff hat. Bis ich es nicht mehr hatte.

Kapitulation

Dann bin ich in der Klinik gelandet. Die Panik und der innere Druck waren so unerträglich, dass ich die Rettung gerufen hab. Das fühlte sich in dem Moment an wie totale Kapitulation.

Ich dachte, jetzt hab ich endgültig versagt. Jetzt bin ich nicht nur schwach, sondern auch noch bei „den Bekloppten“ gelandet.

Das Wort Psychiatrie hat mir wahnsinnige Angst gemacht. Ich wusste nicht, was mich erwartet, hatte keinerlei Berührungspunkte. Am Ende wurde daraus eine der tiefgreifendsten Erfahrungen meines Lebens.

Wenn „Normalität“ krank macht

Denn da drin begegnete mir die volle Bandbreite der Menschlichkeit – meiner inklusive. Bislang hatte ich meine schwache Seite erfolgreich weggedrückt. In der Klinik ging das nicht bzw. war es unnötig.

Dort passiert etwas, woran es „da draußen“ mangelt: Alle reden offen über ihre Probleme. Man wird weder beschuldigt noch beschämt, alles darf da sein.

Es herrscht ein Gemeinschaftsgefühl unter den Versehrten. Und ganz ehrlich: Versehrt sind wir alle in dieser Gesellschaft. Wir verletzen uns gegenseitig. Das sogenannte „Normal“ ist nicht gesund, es macht seelisch krank.

Meine Seele war ziemlich angeschlagen: Die ersten Tage bin ich total verballert, wortkarg und mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze herumgeschlichen. Gegessen hab ich alleine mit dem Rücken zu den anderen.

Die Vorstellung, dass Fremde mich in dem Zustand sahen, war unerträglich. Ich hatte meine schlechten Phasen immer gut versteckt – sogar jahrzehntelange Freunde haben mich noch nie so erlebt.

Bleiben meine Freunde?

A propos Freunde: Meine Angst war, dass sich mein Kreis deutlich reduzieren würde. Ich fürchtete negative Reaktionen und war überrascht, wie viel Zuspruch von allen Seiten kam.

Keiner hat mich verlassen, weil ich in der Psychiatrie war. Offen darüber zu reden hat mich meinem Umfeld sogar näher gebracht.

Vor Fremden weinen

Ich begann, mich auf die Erfahrung einzulassen und mich zu zeigen. Eine junge Frau saß weinend auf dem Sofa mit einem Stofftier im Arm.

Ich sagte ihr, dass ich auch meinen Kuschelhund dabei habe und hielt ihr einen Kickerball unter die Nase. Kurz darauf spielten und lachten wir. Das Eis war gebrochen.

Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir nicht vorstellen, vor Fremden zu weinen. Tage später saß ich auf besagtem Sofa und die Tränen liefen, während ich die Zeitung in der Hand hielt, für die ich schreibe – es aber in dem Zustand nicht konnte. Das war einer der Momente, in denen die Mauer bröckelte.

Die WG der Versehrten

Auf meine neue Offenheit reagierte mein Umfeld: Ich bekam einen festen Platz am Tisch, den O. mir frei hielt. Er war da, weil sein Sohn sich das Leben genommen hatte. Ein ehemaliger Oberarzt war auch Patient, genauso wie ein ukrainischer Soldat. Jung und Alt aus allen Schichten und mit verschiedensten Diagnosen kamen auf der Station zusammen.

Wir unterhielten uns, lachten, gingen gemeinsam oder füreinander Einkaufen. Das ist so ähnlich wie in einer WG – wenn man sich auf die Gemeinschaft einlassen kann und will.

Ich war mitten drin: Eine High-Performerin, die so lange funktioniert hatte, bis das Fass übergelaufen war. Die sich gepusht hatte mit den Worten, dass sie das auch noch hinkriegt. Ein klassischer Fall, wie die Ärzte sagten. Da kommt man ab einem gewissen Punkt nicht mehr alleine weiter.

Also nahm ich zum ersten Mal in meinem Leben umfassende Hilfe an. Das war für mich extrem ungewohnt und fühlte sich zeitweise sogar bedrohlich an. Durch diese Angst bin ich durch.

Was mein Sohn damit macht

Und der Sohn? Er hat seine Mutter zum ersten Mal derart schwach erlebt. Er lernt, dass es okay ist, sich Hilfe zu holen, Verletzlichkeit zu kommunizieren und versehrt zu sein.

Wir haben Kicker gespielt in der Klinik. Er hat gesehen, dass „die Verrückten“ einfach nur Menschen mit Geschichten sind. Denn eine Diagnose ist keine Identität. Ich glaub, das ist eine wertvolle Erfahrung für einen jungen Erwachsenen.

Depression: Lachen und Weinen liegen nah beieinander

Auch wenn´s unbequem ist, sich so zu zeigen, fühl´ ich den Mut hinter diesen Zeilen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es ab jetzt nur besser werden kann.

Wenn man am Boden ist, hat das nämlich auch was Beruhigendes: Wo sollte man jetzt noch hinfallen? Mit dem Mindset bau´ ich mein zerbrochenes Selbstbild neu zusammen.

Fazit: Depression ist da, es gibt diese Scheißphasen, ich krieg Therapie und lache trotzdem.

Ohne Humor würd ich das gar nicht packen – den hab ich zum Glück nicht verloren und werd auch alles dafür tun, dass es so bleibt.

Ich schreibe diese Zeilen übrigens aus der Klinik (zweiter Aufenthalt), wo unsere depressive Gang eine „Lachgruppe“ eröffnet hat.

Wir machen Pancakes, reißen gottlose Witze und sind an Halloween in Plüsch-Kostümen durch die komplette Klinik gelaufen, wo wir Süßigkeiten ans Personal verteilt haben.

So läuft das hier. Psychiatrie ist weder schlimm noch ein Grund, sich zu schämen.

Schlimm wäre es gewesen, wenn ich mit diesem pseudostarken Selbstbild weitergerödelt hätte. Das hier ist zutiefst ehrlich und befreiend.

Du weinst nicht, ich weine. Je mehr ich mir das erlaube, desto stärker spür´ ich die Freude pulsieren.

Ps: Über Krisen und Verletzlichkeit spreche ich mit meiner Femformation-Geschäftspartnerin Bea in diesem Podcast: https://open.spotify.com/episode/6B2urityax2RvaV7eeCOaA

Hört gerne rein und stay tuned.

Autor: Constanze Wilz

Ich bin die Anti-Heldin unter den Müttern.
Statt einem inneren Kind habe ich einen inneren Kinski.

Das könnte dich auch interessieren

Lumbäigo oder: Mama hat Rücken

Lumbäigo oder: Mama hat Rücken

Der Sohn stellt neuerdings Diagnosen. Sie stammen aus dem Netz und sind korrekt. Auch eine Behandlung hat er parat. Ich bin das unfreiwillige Versuchskaninchen.

Verhöhnt, beschimpft, bedroht

Verhöhnt, beschimpft, bedroht

Frauen werden nicht ernst genommen als Opfer sexueller Gewalt. Sie müssen ankämpfen gegen das ewige: „Aber sie hat es doch so gewollt…“

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Fehler: Content is protected !!
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner